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Was sind alien species (Neobiota)?



Neobiota (engl. alien species) sind Tier-, Pilz- oder Pflanzenarten, die sich durch indirekten oder direkten menschlichen Einfluss in einem Gebiet erfolgreich etabliert haben, in dem sie vor 1492 (=Entdeckung Amerikas und massiver Anstieg des transatlantischen Handels) nicht heimisch waren.
Durch die Globalisierung und den Klimawandel wurde es für viele Tier-, Pilz- und Pflanzenarten auch leichter zu reisen und somit erreichten viele Arten Kontinente, auf denen sie bislang noch nicht vorgekommen sind. Viele der Neobiota wurden absichtlich vom Menschen über natürliche Ausbreitungsschranken (z.B. Meere, Gebirge, Wüsten,…) in neue Gebiete gebracht, beispielsweise 30% aller Zierpflanzen und 20% aller Nutzpflanzen (Quelle). Auch bei der Besiedlung von neuen Kontinenten wurden Tiere und Pflanzen aus der Heimat mitgenommen, und oftmals bewusst ausgesetzt. In Australien wurden beispielsweise das Wildkaninchen, der Rotfuchs, das Dromedar und die Hauskatze in die Wildnis entlassen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, oftmals wurden Tiere mitgenommen, um auch in den neu entdeckten Gegenden Tiere jagen zu können, die auch in den heimischen Wäldern vorkamen. So kam es dazu, dass in den letzten Jahrhunderten viele Tiere absichtlich in neue Lebensräume entlassen wurden.
Um sich in einem neuen Lebensraum etablieren zu können, d.h. sich nachhaltig fortpflanzen zu können, bedarf es einiger Voraussetzungen, wie beispielsweise eine freie ökologische Nische, die von der neuen Art besetzt werden kann. Ökosysteme, die besiedelt werden, sind schon im Vorfeld oftmals durch den Menschen bereits gestört. Die Art ist meistens auch sehr konkurrenzstark gegenüber anderen Arten und hat einen besonderen Ausbreitungsmechanismus (z.B. Flugfähigkeit). Nur etwa 10% aller neu eingeführten Arten überleben auch dauerhaft in einem neuen Lebensraum.

Quellen:

Was sind invasive Neobiota?



“Invasiv” werden Neobiota dann bezeichnet, wenn belegt oder vermutet wird, dass sie mindestens eine heimische Art verdrängen (Quelle). Nicht alle gebietsfremden Arten sind invasiv, nur 10% dieser haben das Potential eine invasive Art zu werden, das ist die sogenannte “10-er Regel”. In Europa gibt es etwa 1.500 invasive Arten.

Was sind die Gründe für den schlechten Ruf von invasiven Tier-, Pilz- und Pflanzenarten?

Sie übertragen Krankheiten, die ihnen selbst nicht zu Leibe rücken, aber ihren nativen Verwandten schwer zu schaffen machen und an den Rand des Aussterbens drängen können. Beispiel: Dies ist konkret der Fall beim Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus), der die Krebspest (Aphanomyces astaci), eine Pilzerkrankung, auf heimische Flusskrebse wie den Edelkrebs (Astacus astacus) oder Steinkrebs (Austropotamobius torrentium).

Konkurrenz um Ressourcen können sich um Licht, Wasser, Nistplätze, Nahrung und Überwinterungsorte drehen. Ein Beispiel ist der Mink (Mustela vison): In den Gebieten in denen der Mink aufgetreten ist, ist die Population des Europäischen Nerzes (Mustela lutreola) stark zurückgegangen (Quelle).

Auch der erhöhte Raubdruck mancher invasiver Beutegreifer auf Beutetiere oder Pflanzen, können fatale Folgen für die Population dieser haben. Vor allem Vögel sind von gesamten Brutverlusten betroffen, da die Nester beispielsweise vom Waschbären (Procyon lotor) geplündert werden.

Veränderung der Ökosystemstrukturen kann beispielsweise die Wechselblatt-Wasserpest (Lagarosiphon major) verursachen. Die schnellwachsende Wasserpflanze, hat starke Verdrängungseffekte auf andere Wasserpflanzen, die vor allem als Laichpflanzen für Fische genutzt werden. Sterben die riesigen Mengen der Wechselblatt-Wasserpest ab, kann das ein Kippen des Gewässers zur Folge haben.

Auch ökonomische Schäden können auftreten, etwa aufgrund des Westlichen Maiswurzelbohrers (Diabrotica virgifera). Der finanzielle Schaden der durch die Larve dieses Käfers verursacht wird, beläuft sich in Südosteuropa auf 300 Millionen Euro pro Jahr.

Wichtig: Invasive Arten haben meist in bereits von Menschen gestörten Ökosystemen eine Chance sich zu etablieren. Daher ist es wichtig, auf Naturbelassenheit und umweltschonende Landwirtschaft zu setzen. Monokulturen sind sehr anfällig für den Befall durch invasive Arten. Auch vom Klimawandel profitieren viele invasive Arten.

Quellen:

Sind Neobiota für das Artensterben verantwortlich?



Vom “orthodoxen” Naturschutz werden Neobiota oft als einer der vier apokalyptischen Reiter des Artensterbens bezeichnet, nach dem Motto: „Sie tauchen auf zerstören das Ökosystem, „erobern“ einen Lebensraum für sich und verdrängen die heimischen Arten.“
So einfach ist es aber nicht. Die Etablierung einer Art ist ein langsamer und sehr komplexer Prozess. In Systemen, die der Mensch gestört oder „vereinfacht“ hat, wie etwa Monokulturen, haben es Neobiota viel leichter sich zu etablieren, da die bestehende Fauna und Flora bereits unterdrückt ist. Auch der Klimawandel begünstigt oft Neobiota, da dieser auch die heimische Fauna und Flora vor eine Herausforderung stellt.

Manche Ökosysteme betreffend, ist es richtig, dass Neobiota andere Arten massiv gefährden und für deren Aussterben verantwortlich sind. Dies ist beispielsweise auf Inselökosystemen der Fall, die relativ einfach gestrickte Nahrungsnetzwerke und Ökosysteme aufweisen. Ein Beispiel ist Neuseeland: diese Insel war bis zur ersten Besiedlung der Europäer vor etwa 700 Jahren so gut wie frei von Prädatoren. Das heißt es gab dort keine Beutegreifer. Dementsprechend ist die heimische Vogelfauna sehr naiv gegenüber Katzen, Mardern oder sonstigen mitgebrachten Beutegreifern und ein schneller und einfacher „Snack“ für diese. Sie haben die Flucht vor potentiell gefährlichen Tieren einfach nie gebraucht und diese Eigenschaft hat sich somit auch nie entwickelt. Die Anpassung an die „neue“ Umgebung mit Prädatoren braucht wesentlich länger, als die Beutegreifer die Vogelfauna vertilgen. Fazit ist: es würden ohne menschliche Artenschutzmaßnahmen viele Arten auf Inseln sehr schnell aussterben.

Das ist die eine Seite der Auswirkungen von Neobiota, es gibt aber auch eine andere Seite: Die, in der sie zur Vielfalt des Lebens beitragen und andere Arten sogar vom Aussterben bewahren. Der Unterschied ist, dass diese Geschichten nur selten von konservativen Artenschützer*innen erzählt werden.

Der bedrohte Gemeine Coquifrosch (Eleutherodactylus coqui), der im Regenwald Puerto Ricos beheimatet ist, fühlt sich besonders im Afrikanischen Tulpenbaum (Spathodea campanulata) sehr wohl. In den vom Menschen durch Plantagen geplagten Regenwäldern begann sich der Afrikanische Tulpenbaum stark auszubreiten und bot der gesamten Tierwelt ein Zuhause, vor allem auch dem Coquifrosch, der sich dadurch sehr gut erholte.

Es entstand also eine neue Wildnis. In Hinblick auf Neobiota plädieren wir dafür, auch die positiven Effekte zu sehen, denn oftmals führt der Kampf gegen eine Art nicht zum gewünschten Ziel. Wir müssen uns auch fragen, welche Natur wir schützen wollen – die, die gerade existiert, oder die, die vor hundert Jahren existierte. Folgendes Zitat regt zum Nachdenken an:
Fremde Arten können uns gelegentlich Angst machen. Sie sind jedoch das Beste, was die Natur hervorbringt, und nach all den Schäden, die Menschen ihr zugefügt haben, verkörpern sie heute womöglich die Chance auf ihr Wiedererstarken.

Fred Pearce, 2015

Den Vorteilen von Neobiota in Ökosystemen widmet sich der renommierte Umweltjournalist Fred Pearce in einem seiner Bücher „Die neuen Wilden“, welches wir sehr empfehlen.

Quelle: Fred Pearce (2015) Die neuen Wilden

Was bedeutet, „Aliens müssen gemanagt werden“?



Die Europäische Union hat 2014 erstmals die Unionsliste der invasiven gebietsfremden Arten herausgegeben, darin sind Pflanzen, wirbellose Tiere, sowie Wirbeltiere vermerkt, die als invasiv eingestuft wurden. Die Liste wird laufend mit Arten erweitert, die eine negative Auswirkung auf Umwelt, andere Arten oder Ökonomie haben.
Die EU-Verordnung Nr. 1143/2014 wird von den einzelnen Mitgliedstaaten implementiert, indem verschiedene Artenschutzmaßnahmen durchgeführt werden. Doch was bedeutet „Artenschutzmaßnahmen“ in Bezug auf Neobiota konkret?
Man setzt auf Prävention, Monitoring, Sofortmaßnahmen, Kontrolle, Akzeptanz und Beseitigung. Konkret heißt das:

Bei Pflanzenarten wird das Ausreißen, Ausgraben oder die Mahd empfohlen, aber auch die Beweidung durch Tiere kann eine Maßnahme zur Kontrolle von Neophyten sein. Vor allem bei Pflanzen, die starke allergische (Beifußblättriges Traubenkraut – besser bekannt als Ragweed) oder phytotoxische (Bärenklau) Reaktionen beim Menschen hervorrufen, wird eine gute Ausrüstung notwendig. Bei Wasserpflanzen wird das Management schon etwas schwieriger, da dazu spezielle Gerätschaften notwendig werden, wie Bagger, spezielle Mähboote oder Harvester.

Bei Tieren kommt man bei vielen Maßnahmen in einen moralischen Konflikt zwischen Tierschutz und Artenschutz, denn oft wird der Abschuss gefordert, aber auch das Fangen durch Fallen. Bei Fischen wird beispielsweise die Elektrobefischung empfohlen, die naturgemäß auch andere Tiere in dem Gewässer betrifft. Was nach dem Lebendfang mit Fallen von verschiedenen Tieren wie dem Sibirischen Streifenhörnchen, Grauhörnchen und Fuchshörnchen empfohlen wird, ist in der Unionsliste nicht im Detail beschrieben. Bei Vögeln und Reptilien wird oft empfohlen, die Gelege zu zerstören und die Eier anzustechen.

Man sieht, hier besteht ein fundamentaler Konflikt zwischen Tier- und Artenschutz. Aber es gibt auch noch andere moralische Bedenken – aber diesem Thema widmen wir uns morgen.

Die Unionsliste der invasiven Arten findest du hier .

Vor welche moralischen Herausforderungen stellen uns Neobiota?



Neobiota stellen uns vor viele Herausforderungen, die oft gründlicher ethischer Betrachtung bedürfen. Wir können hier keine Antwort geben, wir nehmen keine Partei für eine Position ein, wir wollen lediglich ein paar spannende Überlegungen und Diskussionspunkte aufführen.

Tierschutz vs. Artenschutz


Es geht dabei zentral um das ethische Dilemma „Gemeinwohl vs. Wohl des Individuums“. Artenschutzmaßnahmen sind oft nicht mit Tierschutz-Anforderungen in Einklang zu bringen. Die meisten tierethischen Ansätze basieren auf dem Prinzip der Unversehrtheit von Tieren. Folgt man diesem Prinzip dann wäre der Tod von Tieren für den Artenschutz nicht gerechtfertigt. Der Artenschutz wiederum vertritt das Prinzip; dass eine Art den höchsten Wert hat und somit Tier-Individuen für den Fortbestand verschiedener Arten geopfert werden können, zum Beispiel durch Populationsmanagment.

Ist „natürlich“ immer gut?


Was ist gut und was nicht? Wohin sollen wir streben? Das sind spannende Fragen der Philosophie. Im Natur- und Artenschutz kommt häufig das Argument, dass unberührte Natur einen sehr hohen Wert hat und daher schützenswert ist. Klingt intuitiv sehr richtig!? Doch geht man der Frage nach, ob „natürlich“ gut ist, so kommt man schnell zum Punkt, dass natürlich Prozesse auch ziemlich tückisch sein können und viel Leid verursachen. Beispiele dafür wären Krankheitserreger oder die Räuber-Beute-Beziehungen. Kann etwas gut sein, dass so viel Leid verursacht?

Es werden nicht alle Arten gleichbehandelt


Eine aktuelle Studie zeigt, dass das Management von süßen oder attraktiven Arten weitaus schwieriger ist als bei „unattraktiven“ Arten, nicht zuletzt aufgrund von gesellschaftlicher Kritik. Auch der Fokus von Forschern liegt oft auf charismatischen Arten, was ein verzerrtes Bild ergibt. Diese Studie (Jaric et al 2020) wird heuer im Journal "Frontiers in Ecology and the Environment" veröffentlicht.

Ökosysteme sind immer im Wandel


Dass Ökosysteme sich immer verändern, hat uns die Vergangenheit gezeigt – Warmzeiten und Kaltzeiten haben das Klima verändert. Tiere und Pflanzen haben sich auf dem gesamten Globus niedergelassen und waren stets auf Wanderschaft. Die Umgebung hat die Evolution vorangetrieben und immer wieder neue Arten geformt. Wir sind nach wie vor in diesem Fluss der permanenten Veränderung, in welchem immer wieder neue Lebensformen entstehen und sich die Lebensräume ändern. Geht die Änderung sehr schnell – wie etwa beim derzeitigen Klimawandel – dann sterben sehr viele Arten aus, weil die Anpassung an neue Umgebungen nur sehr langsam von statten geht. Aber so, wie sich die Umgebung permanent ändert, variiert auch die Artenzusammensetzung in einem Gebiet. Die Darwin-Finken waren auch einmal Neuankömmlinge auf Galapagos und heute sind sie ein Symbol für die Evolution. Was ist hier beim Waschbären oder dem Signalkrebs anders? Dass diese vom Menschen verbreitet wurden? Dass sie andere Arten gefährden? Dass sie uns vorführen wie ernst die lange ist, weil wir viele Ökosysteme geschwächt haben und die Neobiota nun die Chance haben sich zu verbreiten? Ist der Mensch nun Teil der Natur oder nicht? ….

Schlussworte:


Mit diesen vielen Fragen, von der jede ein einzelnes Buch füllen würde enden wir unsere Woche der irdischen Aliens und hoffen, dass wir einen wichtigen Diskurs über Neobiota anstoßen können. Schreib uns deine Gedanken dazu >> info@akupara.at! Es ergeben sich aber in allen Konflikten und Lebenslagen schwierige moralische Entscheidungen, die man fällen muss. Völlige Konfliktfreiheit ist oft unmöglich. Grund genug für uns, beide Seiten zu betrachten: Tierethische und umweltethische Ansätze. Wir versuchen die Gemeinsamkeiten zu finden, um diese beiden Disziplinen zu vernetzen. Es ist wichtig auf eine diplomatische Ebene im Tier-, Arten- und Naturschutz zusammenzuarbeiten, denn im Grunde streben beide Disziplinen nach dem Erhalt von Leben und Lebensräumen!