Online Event Christine Sonvilla
Unsere Gästin: Naturfotografin Christine Sonvilla
14. Oktober 2021
Zisel im Gras hält Mohnblume

Artenschützer*innen von Morgen


Text: Bettina Kliesspiess |Foto: Isabella Busch


Lokalaugenschein im Kinderzimmer



Ein flüchtiger Blick in ein modernes Kinderzimmer hinterlässt den Eindruck, als würde die Biodiversität dieser Erde nur aus Giraffe, Löwe und Elefant bestehen. Tierarten, die in Europa eher seltener vorkommen, bzw. nur in Zoos leben, sind überproportional oft in heutigen Kinderzimmern vertreten. Sie „schmücken“ die Wände, die Kleidung, die Schränke. Zahlreiche Stoffpandas, Quietsche-Giraffen oder Plüschelfanten finden sich auf oder unter dem Bett. Die meisten Tierarten mit denen Kinder sehr häufig in Berührung kommen, sind charismatische Tiere, die oft in unserer Gesellschaft als „süß“ oder „niedlich“ kategorisiert werden. Verirrt sich jedoch ein Insekt in das Kinderzimmer, so sind die Reaktionen oft ganz und gar nicht wohlwollend. Gesellschaftliche Normen, die vor allem die Eltern an ihre Kinder herantragen, prägen unsere Kinder. Findet eine Mutter die Spinne im Haus als unerträglich und saugt sie mit dem Staubsauger ein, dann werden Kinder davon beeinflusst und handeln im erwachsenen Alter wahrscheinlich ähnlich, wenn sie sich im Vorfeld nicht auf einen ausgiebigen Reflexionsprozess eingelassen haben.

Das Interesse an charismatischen Tieren ist oft viel höher als das an Tieren, die direkt im Garten oder im Wald nebenan vorkommen. Die Tiere in der Nachbarschaft werden zudem oft als Unruhestifter wahrgenommen, wie es beispielsweise bei Wildschweinen oder Bibern oft der Fall ist. Die Kategorien, in die wir Tiere einteilen z.B. „charismatisch“, „niedlich“ oder „störend“ sind aber menschgemacht und können somit auch verändert werden.

Menschen lieben bestimmte Tierarten von Kindheit an – aber was sagt diese Liebe über unsere Verbindung mit ihnen und der moralischen Verantwortung diese Tiere zu schützen aus? Hat ein Kind, das fast nie mit einem Insekt in Berührung kommt, später auch das Bedürfnis den Einsatz von Insektiziden zu verringern?

Woran liegt es, dass ein Kind in Europa einen Elefanten schneller benennen kann, als einen Igel, obwohl man annehmen kann, dass der Igel durch die physische Anwesenheit eine viel größere Faszination ausüben könnte?

Wildtiere als Unterhaltung



Es besteht nach wie vor Konsens der Mehrheitsgesellschaft, dass es moralisch vertretbar wäre, Wildtiere in Käfige zu sperren, um sie dann bei Lust und Laune zu betrachten. Diese Freizeitunterhaltung ist auch ein beliebter Ausflugsort von Familien. Vielleicht rührt daher die Faszination von Wildtieren, die oft in ganz anderen Lebensräumen, als dem einer mitteleuropäischen Großstadt vorkommen (z.B. Elefanten, Eisbären oder Löwen, etc.). Das Angebot ist groß, man kann bei Fütterungen dabei sein oder Nachtwanderungen im Zoo machen. Vor allem Tierbabys sind Publikumsmagnete, was dazu führt, dass viele Zoos für stetigen Nachwuchs sorgen. Dieses Wirtschaften birgt aber die Problematik, was mit den ausgewachsenen Tieren geschehen soll.

Neben vielen Argumenten die die zoologischen Einrichtungen Kritikern entgegenbringen, wird das des Artenschutzes besonders prominent hervorgehoben. Doch was ist dran an dieser Geschichte? Fakt ist, dass Tiere, die in Gefangenschaft aufwachsen, wenn überhaupt, nur mit sehr, sehr viel Mühe in die freie Wildbahn entlassen werden können (Nogués-Bravo et al, 2016). Dazu sind v.a. Zootiere nicht geeignet. Tiere, die wieder ausgewildert werden, werden vor allem in von der Öffentlichkeit überwiegend abgeschotteten Rescue Stationen mit Auswilderungsarealen betreut. Experten raten aber generell zum in Situ Artenschutz, der im Lebensraum der Tiere zum Einsatz kommt, also kurz gesagt, dass man die Lebensräume der Tiere schützt, damit sie in der Wildnis überleben können. Diese Art des Artenschutzes ist viel billiger und auch nicht so aufwändig wie der ex situ Artenschutz in Form von Auswilderungsprogrammen. Abgesehen davon, dass sich viele Zoos auch im in situ Artenschutz engagieren, v.a. durch Finanzzuschüsse bei Projekten, stellt sich die Frage:
Welche Rolle haben Zoos bei der Vermittlung der Notwendigkeit des Artenschutzes für unsere Kinder?

Wird nicht viel eher durch Zoos vermittelt, dass es in Ordnung ist, Tiere in unzureichende Gehege zu sperren, um sie für menschliche Unterhaltungszwecke zu betrachten? Es mag sein, dass dadurch auch ein Bedürfnis entsteht, exotische Tiere selbst halten zu wollen, was sehr kontraproduktiv in punkto Artenschutz wäre. Der illegale und legale Wildtierhandel boomt sehr und fordert viele Tieropfer beim Fangen, Vermitteln und schließlich bei der/beim Halter*in.

Verbindung mit der Natur aufbauen



Viel mehr haben Studien wie z.B. von Hosaka et al 2017 gezeigt, dass Menschen, die viele direkte Naturerfahrungen in der Kindheit machen durften, sich später vermehrt für den Arten- und Naturschutz interessieren. Beschäftigungen wie Insekten suchen oder Vögel beobachten machen Kinder, wenn man sie dazu animiert, oder ihnen die Möglichkeit geboten wird mit Begeisterung. Auch waren Menschen, die in ihrer Kindheit viel Berührung mit wilder Umgebung hatten, auch viel eher dazu bereit, ein breiteres Spektrum an Tierarten in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung zu akzeptieren. Ferner standen sie Tierarten die in der Gesellschaft als „eher störend“ kategorisiert werden nicht so negativ gegenüber. Die lehrreichen Erfahrungen, die Kinder in unmittelbarer Nähe machen können sind maßgeblich dafür, dass sich in Zukunft Menschen für Biodiversität und Artenschutz interessieren. In Japan gibt es beispielsweise Biosdiversitäts-Schutzkonzepte, mit dem Hauptmerkmal grüne Plätze in Städten zu schaffen, um Kindern direkte Naturerfahrungen zu ermöglichen (Hosaka et al 2017).

Wir dürfen uns schon auch eingestehen, dass es wesentlich aufregender ist einen Dachs in freier Wildbahn zu beobachten, als einen Elefanten, der sein gesamtes Leben in einem kleinen Gehege (und jedes Gehege ist für einen Elefanten, der kilometerweite Wanderungen unternimmt, zu klein) untergebracht ist und stereotype Verhaltensstörungen zeigt. Zweiteres kann auch zu einer eher negativen Erfahrung werden, das Mitleid erzeugt und einen eher traurigen Nachgeschmack mit sich bringt.

Unser Fazit: Mehr Naturerfahrungen für unsere Kleinsten sichern die Artenschützer von Morgen (die angesichts des rasanten Artverlustes so unglaublich wichtig sind).

Fünf Tipps, um Kinder für Wildtiere zu begeistern



Direkte Naturerfahrungen: Spaziergänge im Wald eignen sich perfekt, um den Entdeckungsdrang von Kindern ihren freien Lauf zu lassen. Nehmt euch einen Nachmittag ohne Zeitdruck und ohne digitalen Stress Zeit, um sich allen Walderlebnissen hinzugeben. Es darf in der Erde gewühlt werden, unter der Baumrinde nachgeschaut werden und im Bach gepritschelt werden. Es gibt sehr viele Tiere direkt vor unserer Haustüre, wie beispielsweise Ziesel, Feldhamster, Wildkaninchen, Feldhasen, Wanderratten, Rehe, Krähen, Eichelhäher, etc. Nehmt euch Zeit für die Naturbeobachtungen!

Draußen Campen: Wer schon mal draußen geschlafen hat, vielleicht auch ohne Zelt, der weiß ganz genau, was für eine Geräuschkulisse die Natur hervorbringen kann; hier schreit ein Käuzchen, dort raschelt eine Maus und die Blätter der Laubbäume rauschen wie das Meer. Es muss gar kein aufwändiger Camping-Urlaub werden, der eigene Garten oder der einer Freundin eigenen sich dafür auch hervorragend.

Insekten suchen: Vor allem Insekten treten in der Gesellschaft immer weiter in den Hintergrund, nicht zuletzt, weil immer weniger Insekten draußen unterwegs sind. In einem deutschen Schutzgebiet hat die Masse der Fluginsektenmasse innerhalb von 27 Jahren um unglaubliche 76% abgenommen. Es wird höchste Zeit, wieder die Welt der Insekten hochleben zu lassen. Ein erster Schritt dazu ist, sie in freier Natur zu beobachten und den zugeschobenen „Schädlingsstatus“ zu überdenken. Hast du schon einmal einen Marienkäfer länger als eine Minute beobachtet? AKUPARA-Tipp: Komm zu unseren Insektenlehrpfad nach Lanzendorf – gerne zeigen wir dir die faszinierende Welt der Insekten.

Bei einer Vogelzählung mitmachen: Jedes Jahr im Jänner gibt es in Österreich die Wintervogelzählung, organisiert von Birdlife Österreich. Dabei beobachtet man eine Stunde lang welche Vögel sich sehen lassen. Den Lebensraum kann man frei wählen, Garten, Wald oder Stadtpark, alles zählt….Vögel. Solche Citizen Science Projekte sind für den Artenschutz auch sehr wichtig. Sei nächstes Jahr dabei!

Spurensuche: Oft trifft man Tiere nicht persönlich, aber ihre Hinterlassenschaften, sei es Fußabdrücke, Gewölle oder verlassene „Wohnungen“. Oft findet man sehr spannende Spuren. Alle sind aufgerufen das Rätsel zu lüften, zu welcher Tierart die Spuren gehören. Das Bestimmen der Spuren ist oft gar nicht so einfach ist, aber mit Bestimmungsbüchern sehr viel Spaß machen kann. Ihr könnt die Fußabdrücke auch mit Gips ausfüllen und dann mit nach Hause nehmen.

Literatur

Hosaka et al 2017 – Childhood experience of nature influences the willingness to coexist with biodiversity in cities
Nogués-Bravo et al, 2016 - Rewilding is the new Pandora’s box in conservation
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